Severinstraße (Südstadt Köln)

“Wie, duuuuu willst was über Köln schreiben?! Du bist doch gar keine Kölnerin”, sagt Herr Frank neckend. Je nach Gemütslage lächle ich nachsichtig oder stampfe mit dem Fuß auf. “Und wohl bin ich Kölnerin!!!” Das sieht man in meinem Ausweis an den vier Buchstaben, auch wenn diese arroganten Alteingesessenen der Meinung sind: nur wer im Severinsklösterchen geboren ist, darf sich Kölner/Kölnerin nennen. Ich aber bin ‘vun dr Schäl Sick’, der falschen Seite, rechtsrheinisch. Mein Geburtsort ist eher ein ‘Dorf’ am Rande der großen Stadt.

Soll ich also ‘vom Dörp’ schreiben oder von dem langweiligen, gesichts- und konturenlosen Stadtteil, in dem ich jetzt lebe, Herr Buddenbohm? Oder vielleicht von dem Bild, das den meisten beim Wort ‘Köln’ einfällt: Dom, Hohenzollernbrücke, Rhein und Altstadt? Nein, DAS Klischee will ich nicht bedienen.

Kommen Sie doch einfach mal mit dorthin, wo die Urkölner angeblich herkommen: in die Südstadt, in die Severinstraße, ihre Lebensader. Wir befinden uns schon außerhalb des römischen Gevierts, aber immer noch auf historischem Grund, innerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern.

Ich muss an Cees Nooteboom denken, der die Frage stellte: “Denn woraus besteht eine Stadt?” (1991) und dessen Antwort ich aus urheberrechtlichen Gründen hier nicht wortwörtlich wiedergeben darf. Aber genau wie er empfinde ich, wenn ich die Severinstraße entlang gehe, diese schnurgerade enge Straße mit den vielen Geschäften und Kneipen rechts und links. Fast meine ich die Tritte der römischen Soldaten zu hören, die hier in ihren Ledersandalen entlang marschierten, Richtung Süden, oder die von dort kamen und ihre Schritte schnurstracks zum Palast des Statthalters von Germania Inferior lenkten (das Prätorium unter dem jetzigen Rathaus/Spanischer Bau). Ich höre die Stimmen, ihre Flüche, ihr Lachen. Es sind jetzt ihre Nachfahren und die Neuen aus vielen Teilen der Welt, die die Straße und das Viertel prägen, die dort schreien und lachen und vielleicht auch fluchen. Es hat sich wenig verändert, denn damals wie heute kamen ‘die Römer’ aus allen Teilen ‘der Welt’ und brachten ihre Kultur und ihre Götter mit. Und zum Glück auch ihr Essen ;-)

Auf Schritt und Tritt prasseln Erinnerungen auf mich ein. Nicht, dass Herr Frank das alles für sich reklamieren darf! Sie wissen schon: das Severinsklösterchen. Da bin ich zwar nicht geboren, aber in einer Nebenstraße wohnte meine Tante Thekla, die wir einmal im Jahr, immer vor Weihnachten, besuchten. Wir Kinder mussten mit und ich war gerne dabei. Die Tante hatte in ihrer Privatwohnung ein Schmuckgeschäft. Sie verkaufte und reparierte …  der düstere Flur, die gläserne Vitrine, das Vergrößerungsglas, das sie sich ins Auge klemmte und das sie so unheimlich aussehen ließ. – Das gilt doch, um als echte Kölnerin zu gelten – oder was meinen Sie?

Später waren es die Pfiffe der Obdachlosen, die vor dem Männerheim in der Annostraße standen, während ich als Werkstudentin früh morgens meiner Arbeitsstätte in den Backsteingebäuden der Schokoladenfabrik ‘Stollwerck’ zustrebte. Lagerarbeiten habe ich verrichtet; an die Pralinen durften wir nicht ran, nicht offiziell ;-) Danach konnte ich acht Wochen kein Marzipan oder Nougat mehr sehen, geschweige denn essen. Das alles ist ‘Geschichte’ (eine andere), aber dank der damaligen Hausbesetzungen sind noch viele alte Gebäude erhalten und in Wohnungen umgewandelt worden. Nur der Kakaoduft, der einst über dem Viertel hing, der ist verflogen. Doch vor dem Severinskirchplatz steht verschmitzt lächelnd das Pralinenmädchen, eine Reminiszenz an die Schokoladenfabrik, die einst das Herz des Viertels bildete.

Severinskirchplatz

Zwar ist viel Originelles, Urkölsches verloren gegangen, aber immer noch hat diese Straße Flair und Persönlichkeit. Sie erschafft sich immer wieder neu und wie ein Mensch sich verändert, so auch diese Straße. Sie ist lebendig, ein Organismus, der lebt und atmet, eine Straße, die sich nicht unterkriegen lässt, auch wenn sie viele Jahre lang unter dem Bau der Nord-Süd-U-Bahn zu leiden hatte. – Man hat ihr die Konkurrenz zu Pisa verwehrt – der schiefe Kirchturm wurde wieder gerade gerichtet und auch die große Wunde, die der Einsturz des Stadtarchivs schlug – ist noch immer nicht geheilt, doch irgendwann wird sie ‘nur noch’ schmerzen, aber nicht mehr offen klaffen.

Tja, Herr Nooteboom Buddenbohm, auch wenn sie in dieser Straße wahrscheinlich noch nie gewesen sind, sie ist tatsächlich ein Buch, in dem es viel zu entdecken gibt, viel mehr als ich hier beschreiben könnte. Und wenn man genug ‘gelesen’ hat, geht man in eine der Kneipen, in ein Brauhaus, in ein türkisches oder italienisches Restaurant oder Bistro oder in das kleine Programmkino, vielleicht auch in die Severinskirche mit ihrem unterirdischen Gräberfeld oder zum Chlodwigplatz hinter dem mittelalterlichen Stadttor, wo einst das legendäre ‘Arsch-Huh’ seinen Ausgang nahm.

Und wo ist denn nun das Severinsklösterchen? Ich glaube, ich fahre jetzt mal los und atme ein wenig kölsche Seele.

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10 Antworten zu Severinstraße (Südstadt Köln)

  1. Agnes schreibt:

    Mit der Meinung wer nun Kölner ist und wer nicht, irrt der Herr Franka aber.
    Mein Enkel ist in Köln geboren, lebte die ersten Jahres seins Lebens sogar in der Südstadt, wurde in St. Severin getauft, aber ein Kölner ist er nicht, er wird nie diesen unverwechselbaren Dialekt sprechen, den ich mitunter so gerne höre, und auch sonst, ein richtiger Kölner wird er nie.
    Es liegt also nicht daran wo man zur Welt kommt, sondern wo man aufwächst, und wie.
    Meine Enkel wird diesen Dialekt nie richtig sprechen, weil seine Eltern ihn nicht sprechen, nur von Freunden wird er das kaum übernehmen, höchstens mal ein paar Schlagworte.
    Schön Dein Bericht von dieser Ecke Kölns, in der ich einige Jahre häufiger zu Besuch war.

    • Franka schreibt:

      Sag’ ich ja. Auf den Geburtsort kommt es nicht unbedingt an. Allerdings glaube ich, dass der Dialekt sowieso ausstirbt; er gilt als ‘gewöhnlich’, als Sprache der einfachen Leute und jeder versucht, lupenreines Hochdeutsch zu sprechen.

      • Agnes schreibt:

        Ich hatte einen Chef, der aus dem Kölner Raum kam, der konnte ein supergutes Hochdeutsch, da hat niemand gemerkt wo sein Wurzeln sind, aber manchmal sprach er zwischen in diesem Dialekt, ich habe das immer sehr gemocht, und mich sehr darüber amüsiert.
        Zumindest er konnte beides sehr gut und das halte ich für wichtig, das Alte sollte nicht Aussterben, dennoch sollte man schon ordentlich sprechen können, damit man auch von allen Deutschen verstanden wird. ;-))

  2. Anna-Lena schreibt:

    Manchmal fällt der Groschen ja pfennigweise, so auch bei mir!
    Ich freue mich ganz doll ♥ .

    Liebe Grüße
    Anna-Lena

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  5. Monika schreibt:

    Also das gilt mal auf jeden Fall um als echte Kölnerin zu gelten:)
    Schönes Bild von “Gerda”. Da sieht man, dass sie dazugehört.

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